Professur für Ur- und Frühgeschichte der Universität Leipzig
Prähistorische Archäologie in Leipzig
Die Universität Leipzig, die zweitälteste Universität Deutschlands,
wurde 1409 gegründet, lange bevor archäologische Funde zum Gegenstand
öffentlichen Interesses wurden. Dies setzte erst im 18. Jahrhundert ein,
galt jedoch zunächst vor allem der klassischen Antike. Einer der Pioniere
der prähistorischen Archäologie kam aus Sachsen: Graf Johann Friedrich
von Dallwitz (1742-1796) , der auf seinem Gut Königswartha ein Urnengräberfeld
ausgegraben hatte und es in einer prachtvollen Publikation verewigte.
Als Universitätsfach etablierte sich die prähistorische Archäologie in
Sachsen - wie fast überall in Deutschland - jedoch erst sehr viel später.
Zwar hatte es bereits in den späten 1920er Jahren Bemühungen gegeben,
ein eigenständiges Seminar für Vorgeschichte an der Leipziger Universität
einzurichten, jedoch gelang dies erst 1934 im Rahmen der Wissenschaftspolitik
des Dritten Reiches. Der neu geschaffene Lehrstuhl wurde mit üppigen
Mitteln ausgestattet, um die "Deutsche Ostforschung" voran zu treiben,
die der Ostexpansion der Nationalsozialisten eine wissenschaftliche Legitimation
verleihen sollte. Erster Lehrstuhlinhaber wurde Kurt Tackenberg, der
sofort mit dem Aufbau einer Lehr- und Studiensammlung begann. Grundlage
dieser Sammlung bildeten alte Bestände aus dem 18. und 19. Jahrhundert,
u.a. von der ehrwürdigen "Deutschen Gesellschaft zur Erforschung vaterländischer
Sprache und Altertümer". Im zweiten Weltkrieg wurde das Institut stark
zerstört, 1949 zwar wieder eröffnet, konnte aber unter der Zentralisierungspolitik
der DDR seine Bedeutung nicht wieder gewinnen. 1968 wurde es schließlich
im Zuge der Hochschulreform in den Wissenschaftsbereich Urgeschichte/Alte
Geschichte der Sektion Geschichte eingegliedert und verlor damit faktisch
seine Selbständigkeit. Erst nach der Wiedervereinigung entstand 1993
eine neue Professur für Ur- und Frühgeschichte am Historischen Seminar
der Universität Leipzig.
Die aktuellen Forschungen der Professur konzentrieren sich sowohl auf
die europäische Eisenzeit als auch auf die Geschichte der Archäologie.
Seit 1995 ist Leipzig an den Ausgrabungen des Centre Archéologique
Européen (CAE) du Mont Beuvray im keltischen Oppidum Bibracte (Burgund)
beteiligt. Darüber hinaus untersuchen wir seit 2005 in Kooperation mit
dem CAE im Rahmen des EU-Projektes Culture 2000 "Les premieres villes
européenes" nicht nur die Archäologie der Oppida, sondern auch deren
Forschungsgeschichte. Da insbesondere vor- und frühgeschichtliche Befestigungsanlagen
immer wieder für die Rekonstruktion politischer und nationaler bzw. nationalistischer
Geschichte herangezogen worden sind, wird derzeit in einem weiteren,
von der DFG geförderten Projekt "Die Burgwallforschung in Sachsen
und Ostmitteleuropa von 1927 bis 1995. Zielsetzungen und Methoden der
Archäologie im 20. Jahrhundert" verfolgt.
In allen diesen Studien stehen Fragen zur Rolle archäologischer Quellen
in der Traditionskonstruktion und zur Wechselwirkung zwischen Fachgeschichte
und Zeitgeschehen im Mittelpunkt.
"Macht und Politik in der Geschichte archäologischer
Sammlungen in Deutschland im 19. und 20. Jahrhundert"
Im Rahmen des AREA-Projektes wird die Geschichte archäologischer
Sammlungen in Deutschland unter besonderer Berücksichtigung der politisch-gesellschaftlichen
Rahmenbedingungen in der Zeit von ca. 1815 bis 1945 erforscht. Unser Ausgangspunkt
ist die These, dass Sammlungen und Museen aufgrund ihrer spezifischen Rolle
bei der Vermittlung von Forschungsergebnissen an ein breites Publikum besonders
geeignet sind für eine politische Instrumentalisierung. Um diese These
zu überprüfen, werden Sammlungen aus mehreren Regionen Deutschlands (in
den Grenzen von 1871) untersucht: Schleswig-Holstein, das Rheinland, Baden-Württemberg,
Schlesien und Brandenburg mit Berlin. Bei der Auswahl wurden vor allem
Grenzregionen berücksichtigt, da sich hier historische Zäsuren im Allgemeinen
schärfer abzeichnen. Der gewählte Zeitraum erlaubt es uns, die Geschichte
der Sammlungen über mehrere politische Umwälzungen hinweg zu verfolgen
und dadurch ideologische Kontinuitäten bzw. Umbrüche im Sammlungswesen
aufzudecken. Dazu werden aus den genannten Regionen beispielhaft jeweils
zwei bis drei Sammlungen analysiert, die unterschiedliche Sammlungstypen
repräsentieren: fürstliche Sammlungen, Privatsammlungen, Vereinssammlungen,
Universitätssammlungen, Heimatmuseen, Landes- und Provinzialmuseen sowie
Zentralmuseen. Wir wollen untersuchen, inwiefern unterschiedliche (finanzielle)
Abhängigkeiten und Zielsetzungen jeweils zu einer stärkeren bzw. schwächeren
Beeinflussung durch Politik und Zeitgeschehen geführt haben. Das Ergebnis
sollen nicht ,Biographien' einzelner Sammlungen sein; vielmehr sollen die
historische Entwicklung verschiedener Sammlungstypen dargestellt und strukturelle
Tendenzen des archäologischen Sammelwesens in Deutschland herausgearbeitet
werden.